Diagnose Borderline – Leben als Grenzgänger

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Mit dem Begriff Borderline können die Wenigsten etwas anfangen. Die Vorurteile in der Gesellschaft sind groß. „Borderliner zerstören sich und andere…… oder….Die ritzen sich die Arme auf.“ Doch die Wahrheit ist viel komplexer. Zunächst einmal ist der Fachbegriff der Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) im ICD-10 Klassifikationssystem (60.31) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine Unterform der emotional-instabilen Persönlichkeit geführt. 

Mindestens fünf von neun Diagnosekriterien müssen bei einer Borderline Persönlichkeitsstörung zweifelsfrei festgestellt werden. Und schon da wird es interessant. Somit können unter Umständen zwei Betroffene die gleiche Diagnose haben obwohl sie nur ein gemeinsames Kriterium erfüllen und genau dieses macht die komplexe, oftmals langfristige stationäre Therapie für die Patienten so schwierig. Kaum einer ist gleich im Verhalten.

Zwar ist zwischenzeitlich mit der dialektisch bihavioralen Therapie (kurz DBT) eine Psychotherapieform entwickelt worden für stark suizidale Patienten welche vorwiegend bei der Behandlung von Borderlinern zum Einsatz kommt aber diese enthält trotz augenscheinlicher Erfolge Fehler.  In der DBT Therapie sollen die Patienten lernen wie sie anstelle von selbstverletzenden Verhalten (kurz SVV) Alternativen entwickeln können. Angeboten werden zum Beispiel ein Igelball, Ammoniak, scharfer Kaugummi usw.

Doch selbst wenn man unterstellt, dass ein Borderliner in seinen emotionalen schwierigen Phasen tatsächlich zu den in der Therapie erlernten Verhaltensstrukturen greift, so ist dieses letztlich keine Heilung oder dauerhafte Verbesserung der Situation. Einzig das Leben wird erhalten oder auch der Körper vor dauerhaften Narben verschont. Und auch darin liegt wieder ein Problem. Viele Borderliner hassen ihren Körper. Fühlen sich gefangen in der Hülle des Lebens. Die Betroffenen verletzten sich in der Regel nicht um Aufmerksamkeit zu erregen. Auch geht es nicht nur um Verzweiflung. Keineswegs selten kommt es vor, dass Borderliner das Gefühl haben sich selber nicht mehr spüren zu können. In sogenannten dissoziativen Zuständen verletzen sie sich oft auf erhebliche Art und Weise.

Doch um wirklich verstehen zu können wie es in den Patienten aussieht, haben wir hier die Diagnosekriterien aufgeführt:

1.Angst vor Einsamkeit 

Borderliner haben wahnsinnige Angst davor vom Partner oder auch der Familie verlassen oder ausgegrenzt zu werden. Es wird auch als extremes Isolations-, Leere- oder Einsamkeitsgefühl beschrieben. Gerade diese Leere wird als unerträglich empfunden. Oftmals ist es von jedem ein wenig und alles durcheinander. Dazu gehört insbesondere die Verzweiflung und Furcht vor Trennungen. Borderliner leben in einem ständigen Widerspruch. Für Außenstehende oft unverständlich. Einerseits der unablässige Wunsch nach Bestätigung in der Beziehung und der Suche nach der einzigartigen Liebe und andererseits wird sich der Borderliner vom Partner trennen wenn dieser nicht mehr dem Ideal als „Seelenverwandter“ entspricht. Und spätestens wenn diese Trennung vollzogen ist, wird der Borderliner (obwohl er den Partner verließ) an dieser zerbrechen.

Um das verstehen zu können hier einmal ein Vergleich. Stellen Sie sich vor, sie besteigen mit ihrem Partner den Gipfel eines Berges. Oben angekommen genießen Sie den unglaublichen Ausblick und die  wärmende Sonne. Bis zu diesem Punkt wäre das Erlebte für Sie und einem Borderliner nahezu identisch. Und doch gibt es einen kleinen Unterschied. Sie werden es als faszinierendes Erlebnis in Ihrer Erinnerung speichern und auch ein weiteres mal genießen können doch für den Borderliner ist es etwas anderes. Für ihn ist es in diesem einen Augenblick das Größte. Ein Ausbruch von wahnsinnigen Glücksgefühlen die sich ein gesunder Mensch niemals vorstellen kann. Doch sollte der  Borderliner erneut diesen Gipfel besteigen so wäre es nicht mehr das Selbe. Der Gipfel darf es für ihn nicht gewesen sein. Da muss noch mehr sein. Und sollte einmal Nebel die Sonne verbergen so wird er sich nicht daran erinnern wie schön wärmend diese für ihn war. Es ist wie die Sucht nach nach den unbeschreiblichen Glücksgefühlen die ein normaler Mensch so nicht erleben kann.

Doch genau darin liegt ein weiteres Problem. Werden diese nicht mehr erreicht fällt ein Borderliner unsäglich tief. So wunderbar die Hochgefühle sind, genauso tief wird er ins Bodenlose stürzen und unsägliche Negativgefühle erfahren die ebenfalls für einen gesunden Menschen nicht einmal im Ansatz erdenkbar sind. Gesunde Menschen haben eine Mitte. BPS Patienten leben in einer schwarz-weißen Welt. Es fehlen jegliche Nuancen.

2. Instabile Beziehungen

Wie schon beim ersten Diagnosekriterium angedeutet, erleben BPS Betroffene nur selten stabile und zufriedenstellende Beziehungen. Einerseits der unabdingbare Wunsch nach Nähe und andererseits das Bedürfnis nach Abgrenzung und Distanzierung. Die Unsicherheit über den eigenen Selbstwert und Daseinsberechtigung sind Ursachen für dieses widersprüchliche Phänomen. Für einen Partner kaum zu ertragen. Wann darf er sich dem Borderline Erkrankten nähern und wann nicht? Manches Mal ist für den  BPS Patienten Nähe unerträglich. Ein anderes Mal wünscht er sich nichts mehr wie diese um die Bestätigung des Selbstwerts zu erhalten.

Borderline trauen sich selber kaum über den Weg. Fühle sich als ständige Versager und alle anderen können es besser. Lebenslang quält sie die existenzielle Frage wer sie überhaupt sind. Durchweg überfluten sie eigene Empfindungen. Obwohl sich einige Borderliner extrovertiert anderen anvertrauen, zerbrechen sie danach in Selbstzweifeln daran was sie preisgegeben haben. Der Großteil der Betroffenen traut den Mitmenschen nicht.

Der Teufelskreis schließt sich sobald die Umwelt ablehnend oder auch mit Liebesentzug auf den Betroffenen reagiert.

3. Auf – & Abwertung

Borderliner können schlagartig Menschen Auf – und Abwerten. Das Umfeld vermag nur selten damit umzugehen. Für Mitmenschen ist die Situation nicht einschätzbar. Borderliner wissen selber nie genau wie sie auf andere Menschen wirken und auch dieses macht sie unsicher.

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor. Sie telefonieren mit einem Freund/Freundin und diese erzählt ihnen, dass sie abends mit Freunden weggeht. Für sie wäre das völlig okay aber nicht für einen Borderliner. Der zweifelt direkt warum er nicht mitgehen darf. Fühlt sich ungeliebt und beendet unter Umständen eine vermeintliche Freundschaft.

Borderliner geben in einer Freundschaft meist alles. Aber… sie verlangen auch alles und können kaum nachvollziehen warum dieser nicht dazu bereit ist das Gleiche für einen zu tun. Sollten sie aber erkennen, dass der andere nicht zu 100% für einen da ist, werden sie ihn abwerten. Auch aus diesem Grunde heraus fällt es den Betroffenen oft schwer dauerhafte Freundschaften zu schließen.

 4. Stimmungsschwankungen

Borderliner fahren im Leben meist auf der Überholspur. Immer angetrieben, immer rastlos auf der Suche. Die Grundstimmung kann von einer zur anderen Minute wechseln und ist nur selten konstant. Sie können binnen weniger Stunden vom großen Glück über Wut bis hin zur tiefsten Depression wechseln. Das ist nicht nur für Partner anstrengend sondern insbesondere für den Betroffenen selbst. Gerade dadurch wird das Selbstbild verunsichert und das Selbstwertgefühl eingeschränkt. Ein starker Leidensdruck baut sich auf und verstärkt die allgemeine emotionale Sensibilität wenn die Mitwelt mit Unverständnis reagiert.

5. Leeregefühl

Durch das fehlende Gefühl der Grundidentität wird die ständige Leere beschrieben welche bei den meisten Borderlinern vorrangig vorhanden ist. Es ist vergleichbar mit einer fehlenden Existenz oder anhaltendem Todesgefühl. Um diesem zu entfliehen verletzen sich Borderliner oft selbst. Das Gefühl sich wieder spüren zu können. Borderliner teilen oft dem Wunsch nach suizidalen Handlungen doch meistens ist dieses die Flucht vor dem emotionalen Nichts.

6. Selbstverletzendes Verhalten (SVV)

Wie vorab beschrieben, verletzen sich viele der Betroffenen. Das heißt aber nicht, dass es alle vollziehen. Die wenigsten SVVler sind auch gleichzeitig Borderliner. Im Gegensatz zu Patienten die nur die Diagnose SVV haben, verletzen sich Borderliner oft erheblich schwerer. Dieses kann durch ritzen (schneiden), verbrennen, schlagen usw. herbeigeführt sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Einerseits wird dadurch der Wunsch nach Beendigung vom akuten emotionalen Schmerz herbeigeführt, andererseits der vorab beschriebenen  Leere zu entfliehen und sich wieder selbst spüren zu können.

Viele schwerwiegende Verletzungen geschehen in tiefer Trauer oder Verzweiflung. Und doch spüren viele Borderliner in nahezu dissoziativen Zuständen keinen oder kaum Schmerz. Endorphine betäuben in diesen Phasen und lösen regelrechte Euphoriegefühle aus.

Doch spätestens nach dem Erwachen aus dem Ausnahmezustand wird den Betroffenen klar, dass die emotionale Anspannung nur vorübergehend gelöst werden konnte. Das ist teilweise wie mit der Zigarettensucht. Die Verletzungsabstände werden kürzer und heftiger um den gleichen Effekt zu erreichen.

Jedes äußerliche Verletzungsbild kann ein Hilferuf oder Signal an die Umwelt sein. Nicht jeder Borderliner trägt seine Narben pp. öffentlich. Die Mitmenschen reagieren im besten Fall tröstend, resigniert oder rettend. Im Schlechteren mit Unverständnis, Abscheu oder Ekel.

 7. Selbstzerstörung

Selbstzerstörung muss keineswegs Selbstverletzung heißen. Hier geht es darum in welcher Form der Betroffene sich noch schädigt. Dieses kann ein  exzessives Suchtverhalten sein (Tabletten, Alkohol, Spielsucht), Prostitution, häufig wechselnde Sexkontakte, rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr (auch Geisterfahrer), impulshaftes und unreflektiertes, auch andere schädigendes Verhalten, krankhaftes Essverhalten (Fett oder Magersucht, Bulemie usw.)

Nicht jeder Borderliner ist süchtig oder wechselt häufig die Sexkontakte. Und doch ist dieses nicht selten das bewusste Eingehen von Risiken um sich selber zu bestrafen. Übrigens. Der Begriff Borderline heißt Grenzgänger (Grenzlinie).  Und dieses passt genau. Immer auf der Kippe.

8. Wut

Mit Wut oder Verzweiflung können Borderliner kaum umgehen. Diese latente und schnelle andauernde Überreiztheit umd fehlende Impulskontrolle bereitet den Betroffenen größte Schwierigkeiten. Borderliner fühlen sich oft angegriffen ohne das sie es eigentlich wurden. Eine wütende und misstrauische Grundstimmung durch vergangene Erlebnisse bestimmt prägen das Bild. Nicht selten haben die Betroffenen quälende Erinnerungen aus Kindheitserlebnissen (Schläge, Vernachlässigung, Missbrauch) welche sich bei Wutausbrüchen entweder in selbstverletzenden Verhalten oder auch gegen den Partner gerichtet sein kann. Eine immerwährende Identitätsstörung mit der Hoffnung verstanden zu werden und sich erklären zu können.

9. Dissoziative Zustände

Borderliner können in sogenannten dissoziativen Zuständen sich von ihrem Körper regelrecht entfremden und von Außen sehen. Oftmals wird dieses durch traumatisierte Stresssituationen ausgelöst. Für die Borderliner oftmals als „Segen“ beschrieben um der Realität zeitweise entfliehen zu können.

An dieser Stelle ein Video was die Krankheit vereinfacht darstellt.

 

Mindestens fünf der oben aufgezeigten Diagnosekriterien müssen diagnostiziert sein um überhaupt von einer Borderline Persönlichkeitsstörung sprechen zu können. Die Betroffenen leiden sehr unter Ihrem schwierigen Krankheitsbild. Oftmals schämen sie sich Ihrer Gefühle. Der Umwelt zeigen sie oft nur das was sie sehen darf. Deswegen spricht man auch davon, dass Borderliner im Alltag eine Maske tragen.

Bundesweit geht man davon aus, dass es bis zu 3% Betroffene gibt. Im Kindesalter wird die Diagnose nicht gestellt. Es wird davon ausgegangen, dass borderlineähnliches Verhalten in der Pubertät verschwinden kann. Somit ist nicht jeder Jugendliche der sich ritzt gleichzeitig ein Borderliner. Die Suizidrate bei BPS Patienten ist überproportional hoch. Offiziell wird diese mit fünf bis sieben Prozent taxiert. Geht man aber von den nicht beabsichtigten SVV mit  suizidalen Folgen aus, erhöht sich die Quote auf bis zu 15%.

Der Umgang mit Borderlinern ist schwierig. Wobei die Betroffenen oftmals einige positive Eigenschaften mitbringen. Zahlreiche Borderliner arbeiten in sozialen Berufen. Helfen bis zur Selbstaufgabe. Auch im privaten Umfeld sind BPS Patienten durchwegs für ihre Freunde da solange diese Verbindung hält. Borderliner sind laut dem Hamburger Psychiater und Chefarzt der Asklepios Klinik Birger Dulz  i.d.R. intelligente Menschen mit Witz, Selbstironie, kreativ oder auch schlagfertig und hilfsbereit. Andererseits sagt man ihnen Kleingeistigkeit, Unfähigkeit zum Verfolgen eigener Einsichten, Aggressivität oder auch Humorlosigkeit nach.

Auch das Sexualverhalten in einer Partnerschaft unterscheidet sich oftmals von dem was man üblicherweise erwartet. Statistisch gesehen haben etwa ein Drittel der BPS Patienten kaum oder gar kein Sex. Ein weiteres Drittel führt ein völlig normales Partnerverhalten in der Liebe. Und das letzte Drittel ist oftmals in der BDSM Szene unterwegs.

Laut Studien der Uni Trier ist Borderline nicht vererbbar, kann aber genetisch bedingt sein. Erste Auslöser sind aber traumatische Erfahrungen in der Kindheit welche nicht nur Missbrauch oder Gewalterfahrungen sein müssen. Vernachlässigung usw. sind ähnliche Auslöser.

Die Therapiedauer bei BPS Patienten ist langwierig. Heilbar ist diese nicht. Nicht selten verbringen Betroffene zwischen sechs Wochen und sechs Monaten in den stationären Einrichtungen. Teilweise werden auch Tageskliniken angeboten. Die meisten Krankenhäuser sind dazu übergegangen das DBT Verfahren anzuwenden. Doch was ist nach der Klinik? Welche Anbindungen gibt es dann?

Einzig der Gang über die kassenärztlichen Vereinigungen auf der Suche nach einem ambulanten Therapieplatz bleibt. Und darin liegt eine Schwierigkeit. Einerseits gibt es nur sehr wenige spezialisierte Psychotherapeuten und andererseits sind die Wartezeiten überdurchschnittlich lang. Einige Therapeuten verweigern mittlerweile die Aufnahme von Patienten mit BPS. Und somit kommt es nicht selten vor, dass Betroffene über kurz oder lang erneut in einer stationären Einrichtung landen.

Was in der Gesellschaft leider vergessen wird ist, dass Borderline (BPS) eine schwerwiegende Erkrankung für die Betroffenen darstellt. Kaum ein Borderliner wird sich öffentlich outen mit der berechtigten Angst vor weiterer Ausgrenzung und Isolation. Wieweit es da ein Umdenken geben wird, bleibt abzuwarten.

Kliniktipps für Betroffene:
ZI Mannheim – Spezialklinik für BPS Betroffene. Borderline Stationen. Bekannt für umfangreiche Studien im Bereich Borderline.
Zusätzlich getrennte Station für BPS Patienten mit Traumafolgen. 2-Bett Zimmer. Wartezeit zwischen 6 bis 9 Monaten.

Schön Klinik Bad Bramstedt – Borderline Station. Gut geschultes Personal. Großteils 2 Bett Zimmer. Wartezeit etwa 3 Monate

Selbsthilfegruppen in RLP:
Wolkenschieber Koblenz – Feste Borderlinegruppe. Wartezeit etwa sechs Wochen.

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